Dias, Fotos als Arbeitsmittel

Volker Brettschneider

Inhalt

1. Portrait der Methode
2. Literatur
3. zum Autor

Abbildungen

Abb. 1: Ein Markt - Markttreiben - das klassische Beispiel für Angebot und Nachfrage
Abb. 2: Einer der typischen Kioske in Schulnähe - beliebter Treff für Kinder und Jugendliche
Abb. 3: Der Jugendliche als Wirtschaftsfaktor

1. Portrait der Methode

Häufig genannt, wenig genutzt. Fotos und Dias als Sprechanlass, um mit Muße, Sorgfalt einen Sachverhalt nach-zu-denken.
Bilder können ein wichtiges Lernmittel werden, wenn sie nicht nur plakativ, rein illustrierend verwendet werden, sondern der sorgfältigen inhaltlichen Auseinandersetzung dienen.

Die Fotographie nutzt das Bild als Symbol zur Informationsvermittlung und ist ein bedeutender massenmedialer Informationsträger unserer Zeit. Bilder präsentieren alle Informationen gleichzeitig, können Aufmerksamkeit erregen und prägen sich schnell und leicht ein. Sie haben mit ihrer Unmittelbarkeit und Anschaulichkeit eine wichtige Funktion bei der Ausbildung von Einstellungen, Meinungen und Wertvorstellungen. Sie sind mehr als ein visuelles Medium, das die Transparenz ökonomischer Realität erhöht. In der aktiven Auseinandersetzung mit diesem Medium verbinden sich die vordergründig statischen Momente der Bilder mit haptischen und emotionalen Vorgängen der Schüler (Eigenerfahrung). Sie bilden Assimilationsschemata für das Verständnis der Arbeits- und Wirtschaftswelt heraus, auf deren Grundlage sinnvolles kaufmännisches und technisches Handeln möglich wird und neue Erkenntnisse gewonnen werden können.

Bilder sind keine objektiven Abbilder der Wirklichkeit, sondern stets subjektiv, d.h. von Menschen gemacht und geben einen Realitätsausschnitt nicht 'unbestechlich' wieder. Der dokumentarische Wert des Fotoapparates ist relativ. Mit der Kamera können nicht nur Bilder unterschiedlicher Qualität gemacht werden, sondern es sind auch Manipulationen möglich, z.B. durch Montage, Retusche, Perspektive, Licht-Schatten- Wirkungen, Kontextausklammerungen usw. Ferner hängt es vom jeweiligen Betrachter, d.h. von seinen Erfahrungen, Interessen, Einstellungen, seinem Vorwissen usw. ab, welche Informationen er einem Bild entnimmt. "Ein Bild ist zu erkennen als Produkt seiner Zeit, und es ist zu erkennen als Objekt, das der Betrachter in seiner Zeit wahrnimmt, oft in einem völlig anderen als dem intendierten Kontext, oft mit ganz anderen Wissen und Wollen als vom Bildproduzenten gemeint." (Grünewald 1988, 375) Ein Dia bzw. Foto beinhaltet immer eine Wertung über seinen Gegenstand, d.h. in Abhängigkeit von seiner Intention wählt der Fotograf ein Motiv aus. Im Sinne einer kritischen Medienerziehung kommt es darauf an, diese angestrebte Intention und Wertung zu erkennen, in Frage zu stellen und in einen Kontext einzuordnen, da sonst die Gefahr des Missbrauches der Betrachter durch manipulative Dias oder Fotos besteht. Ihre didaktische Funktion als Arbeitsmittel im Wirtschaftslehreunterricht erhalten Dias bzw. Fotos mit der Aktivierung der Fragefähigkeit der Schüler, die über die Interpretation der bildlichen Darstellung hinaus zur selbständigen problembezogenen Auswahl von Motiven durch die Schüler führt.

 

 

Didaktische Kriterien für die Nutzung von Bildern als Arbeitsmittel sind (vgl. Schneidewind 1987 u. 1983):

  • ldentifikationsqualität: Die Möglichkeit der Eigenproduktion von Bildern erleichtert die Identifikation mit dem Motiv und dem Unterrichtsinhalt.
  • Vergleichsqualität: Der Vergleich zwischen Abbildung und Schülerhandeln, d.h. zwischen bildlicher Darstellung ökonomischer Realität und unterrichtlicher simulativer Tätigkeit kann sich im gesprächs- und reflektionsbegleitenden 'Ein-Sehen' vollziehen.
  • Analysequalität: Fotos erlauben die selbständige Rekonstruktion von betrieblichen Abläufen und von Arbeitstätigkeiten durch Analyse und Vergleich von in Momentaufnahmen festgehaltenen Prozessen und/oder Tätigkeiten.

Dias bzw. Fotos lassen sich im Wirtschafts- [/S. 19] lehreunterricht in vielfältiger Weise nutzen. Sie sind beispielsweise bei der Vorbereitung, Durchführung und Auswertung von Betriebserkundungen und -praktika ein unentbehrliches Lehr- und Lernmittel. Sie sind auch für die Berufswahlvorbereitung relevant. Bilder ermöglichen anschauliche Einblicke in berufliche Tätigkeiten und betriebliche Abläufe und können beispielsweise als kleine Ausstellung oder Dia-Serie auf einen Elternabend, auf ein Praktikum oder ein Gespräch mit dem Berufsberater vorbereiten. Ferner können sie zur Präsentation der Praktikumsergebnisse dienen. In einer Praktikumskartei können sie schriftlich aufbereitet werden und stehen für nachfolgende Jahrgänge zur Verfügung für den Unterricht, zur Vorbereitung auf ein Betriebspraktikum oder eine Betriebserkundung (vgl. Schneidewind 1983 u. 1987, Reuel/Schneidewind 1990).
Fotos können beispielsweise die Geschichte von Arbeit und Industrialisierung erhellen oder eignen sich für eine schülerzentrierte Einstiegsphase zum Thema 'Die Arbeitswelt von morgen' (vgl. Ruppert 1983, Klippert 1985). Im Rahmen von Projektarbeit können Dia-Serien zu verschiedenen Inhalten des Wirtschaftslehreunterrichts hergestellt werden, die auch nachfolgenden Klassen im Unterricht nützen.



Der Einsatz von Fotos als Arbeitsmittel ist laut Schneidewind (1987, 24 ff.) in folgenden Lehr- und Lernformen gegeben:

  • Mündliche und schriftliche Bildanalyse: Bei einer Bildanalyse ist die Intention und Perspektive von Dias oder Fotos herauszuarbeiten. Beispielsweise kann bei der Analyse von Fotos als Werbeträgern die emotional Wirkungskraft einer Werbeanzeige offengelegt werden.
  • Vergleiche: In der Auswertungsphase eines Projektes können Bilder direkt mit den Projektergebnissen und den dafür erforderlichen Arbeitsschritten verglichen werden.
  • Erarbeitung einer Dia- oder Fotoserie: Im Rahmen eines Betriebspraktikums kann schrittweise der Ablauf von Arbeitstätigkeiten, die typisch für einen Beruf oder Arbeitsplatz sind, in einer Dia- oder Fotoserie festgehalten werden. Ähnliches ist nach Absprache auch bei einer Erkundung möglich, wo z.B. Ausschnitte des Produktionsablaufes per Kamera dokumentiert werden könnten.
  • Fotos als Orientierungsmittel bei einer Arbeitsplatzerkundung: Abbildungen, die zur Vorbereitung einer Betriebserkundung analysiert werden, erleichtern Schülern vor Ort die selbständige Analyse und Rekonstruktion des Arbeitsprozesses und der Arbeitstätigkeit.
  • Fotos als regionale und/oder aktuelle Ergänzung eines vorhandenen Mediums: Aktuelle und/oder regionale Ergänzungen des Unterrichts durch das Arbeitsmittel Fotografie fördern Lernprozesse in allen Bereichen der Wirtschaftslehre.
  • Das Foto als Dokumentation schülereigener Arbeit: Bei der Dokumentation ihrer Tätigkeiten können Schüler den Umgang mit Fotografien als Arbeitsmittel üben. Die Bilder eines selbstgefertigten Fotoprotokolls verleihen der Auswertung zusätzliche Klarheit und unterstützen eine schriftliche Ausarbeitung. Diaserien können zur Präsentation bei mündlichen Vorträgen dienen.

Wenn Dias bzw. Fotos von den Schülern zu einer Aufgabe hergestellt werden, ist neben einem gewissen fotografischen Geschick und Können auch Planungsfähigkeit, Aufarbeitung von Informationen zur Bestimmung von Motiven, Diskussions- und Entscheidungsfähigkeit der Gruppenarbeit sowie Ausdauer erforderlich, da ein gelungenes Dia selten im ersten Anlauf entsteht.

Notwendig ist u.a. (vgl. Ackermann/Gaßmann 1991, 26 f.; Winkler 1992):

  • Erarbeitung eines Konzepts, d.h. einer Vorstellung von einem Sachverhalt und Bestimmung möglicher Motive, die den beabsichtigten Zweck visualisieren,
  • mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und einen Blick für geeignete Motive zu entwickeln,
  • technische Fertigkeiten im Umgang mit Kamera, Filmmaterial, Lichteffekten usw.,
    sorgfältige Vorbereitung gestellter Motive, die fotografiert werden sollen und
  • Vorüberlegungen zur Präsentation der Ergebnisse.

Das 'optimale Foto' gelingt selten auf Anhieb. Es sollten jeweils mehrere Bilder vom gleichen Motiv gemacht werden, mit veränderter Einstellung, Perspektive und Entfernung, so dass hinterher eine Auswahl möglich ist.
Bei der Präsentation von Fotos oder einer Diaserie sind Techniken der Visualisierung von den Schülern zu berücksichtigen (vgl. Bernstein 1991, 140 ff.). Beispielsweise sollten nicht zu viele Dias gezeigt werden und sollte ein Dia nicht zu kurz und zu lang auf der Leinwand verbleiben, um keine Störungen des Vortrags zu provozieren. Das Layout der Darstellung, z.B. der Graphiken und Beschriftungen, sowie die der Gestaltung der Bildmotive sollte zwar einheitlich, aber nicht monoton, sondern ansprechend sein.

2. Literatur

Ackermann, P./ Gaßmann, R. (1991): Arbeitstechniken politischen Lernens kurzgefaßt. Stuttgart.

Bernstein, D.(1991): Die Kunst der Präsentation. Wie sie einen Vortrag ausarbeiten und überzeugend darbieten. Frankfurt-New York.

Grünewald, D. (1988): Bild. In: Mickel, W./Zitzlaff, D. (Hg.): Handbuch zur politischen Bildung. Bonn, S. 373 ff.

Klippert, H. (1985): Wie Schüler die Arbeitswelt von morgen sehen. Beispiel für eine schülerzentrierte Einstiegsphase. In: arbeiten + lernen, H. 38, S. 20 ff.

Reuel, G./ Scheneidewind, K. (1990): Praktikumskartei. Fotografieren im Praktikum. In: arbeiten + lernen, H. 68, S. 48 ff.

Ruppert, W. (1983): Die Fabrik. Fotos zur Geschichte von Arbeit und Industrialisierung. In: arbeiten + lernen, H. 26, S. 26 ff.

Schneidewind, K. (1983): Arbeitsplatz im Sucher. Anregungen für fachdidaktisches Fotografieren. In: arbeiten + lernen, H. 26, S. 40 ff.

Schneidewind, K. (1987): Das Foto als Arbeitsmittel. In: arbeiten + lernen, H. 49, S. 34 ff.

3. zum Autor

Volker Brettschneider, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Universität Paderborn.
Warburger Straße 100, 33098 Paderborn

Dieser Text ist ursprünglich unter gleichem Titel erschienen in: arbeiten+lernen/Wirtschaft, 3. Jg. (1993) Nr. 12, S. 18-19.
© 1993 Verlag Erhard Friedrich, Seelze; © 2001 Volker Brettschneider, Paderborn
Um den Text zitierfähig zu machen, sind die Seitenwechsel des Originals in eckigen Klammern angegeben, z. B. [/S. 53:].
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