Weiler, Hagen: Zu: "Bernd Janssen: Reflexion nach vorn: Politikunterricht exemplarisch, systematisch und kreativ gestalten" (P-u 1/1989)

Nach meinem Eindruck hat sich das Vorhaben der "Diskussion Politische Bildung am Ende der Achtziger Jahre" gelohnt. Der Ertrag der kritischen Antworten auf Bernd Janssens "Plädoyer für eine methodenorientierte Politik-Didaktik" belegt für mich, daß sehr wohl ein argumentativ fruchtbarer Streit über Ziele und Inhalte politischen Unterrichts geführt werden kann (und sollte). Als deren Höhepunkt in substantieller und formaler Sicht sehe ich den letzten Beitrag von Tilman Grammes an: "10 Vorurteile gegen Fachdidaktiken ".

So möchte ich der verantwortlichen Redaktion nicht nur für ihre bisherige, erfolgreiche Mühe danken, mit dieser Diskussion die Lektüre der "Informationen der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung Landesgruppe Niedersachsen" [= Politik-unterrichten; sowi-online] wieder wichtig und spannend gestaltet zu haben, sondern diese zugleich anregen, in einem Sonderheft diese Diskussion über die Grenzen der Landesgruppe hinaus bekannt und zugänglich zu machen. Eine derartige Veröffentlichung könnte nicht nur der weitgehend beklagten bildungspolitischen Resignation wissenschaftsdidaktisch entgegenwirken, sondern auch offensiv mit dazu beitragen, weitere Mitglieder zu werben.

(In ein solches Sonderheft könnten dann auch Stellungnahmen der sog. Altmeister Giesecke, Hilligen, Roloff und Sutor aufgenommen werden.)

Nun zur Sache selbst:
Ich frage mich, was Bernd Janssen aus den vielen, beachtlichen Kritiken auf seinen Ausgangsbeitrag zur methodenorientierten Politikdidaktik gelernt hat, insbesondere, ob ihm der letzte Aufsatz von Tilman Grammes vorher zugänglich war, in dem m. E. die Haupteinwände für mich geradezu beispielhaft verdichtet worden sind.

Meine Enttäuschung beginnt bereits mit Janssens Verlegenheitsüberschrift (s.o.). Deren Harmlosigkeit sehe ich vor allem in Ihrer Umkehrbarkeit: Wer ist denn gegen "exemplarischen, systematischen und kreativ gestalteten Politikunterricht"? Das war doch nicht der Streitpunkt! Entweder kann oder will Janssen die berechtigten Einwände seiner Kritiker nicht verarbeiten, die sich in zwei Aspekten zusammenfassen lassen:

  • Die Frage nach den Methoden laßt sich nicht trennen von der Frage nach den Zielen und Inhalten; (selbst die Auswahl der Gegenstände [/S. 12:] bzw. die Unterscheidung der Lernbereiche folgt selbstverständlich sozialwissenschaftlichen und anderen Theorien; Janssens (S. 25 f.) gegenteilige Behauptung indiziert entweder diesbezüglich erkenntnistheoretische Naivität oder Voluntarismus oder unsystematische Beliebigkeit oder ein diffuses Gemisch von alledem!)
  • In und hinter jeder Methoden-Orientierung stehen unaufhebbar wissenschaftstheoretische, gesellschaftsanalytische, wirtschafts- und rechtspolitische sowie sozialisationstheoretische Prämissen, Kriterien und Kategorien.

Zwar hat Janssen (z.B. S. 23) recht: Deren Kontroversen lassen sich nicht didaktisch entscheiden. Didaktisch kann m.E. nur gefragt werden, wie diese Kontroversen, (und wozu!) den Schülern vermittelt werden können und sollen. Diese Entscheidung jedoch, erst recht ihre nachvollziehbare, idealiter auf argumentative Konsensbildung hin orientierten Begründungen, verlangen vom Politik-Didaktiker das Gegenteil von Janssens (S. 24) Postulat:

"Soll der staatliche Politikunterricht noch eine Zukunft haben, benötigen wir eine Abkoppelung der Politik-Didaktik von den konkurrierenden Theorie- und Gesinnungssystemen der Politikwissenschaft, Soziologie, Philosophie usw.
Statt dessen müssen wir einen pragmatischen Ausgangspunkt finden und von dort zu einer pädagogischen Theorie der politischen Bildung fortschreiten. Mit einer solchen Sichtweise verbinde ich die Hoffnung, daß sich die Theoretiker und Praktiker der politischen Bildung auf einen pädagogischen Konsens zubewegen ...
... über eine Repädagogisierung der Politischen Bildung ein Mehr an Konsens zu erreichen."
(Hervorhebungen nicht im Original.)

Zunächst einmal unterscheidet Janssen nicht "den staatlichen Politikunterricht" (? gemeint sind hier wohl dessen inhaltliche Lernziele, welche wissenschaftlich-politische Kontroversen einseitig entscheiden sollen?) von der "Politikdidaktik". Diese "abzukoppeln " von den "konkurrierenden Theorie-" (was sind "Gesinnungssysteme" in der Wissenschaft?) "-systemen der Politikwissenschaft, Soziologie, Philosophie" wäre ähnlich sinnvoll wie die "Abkoppelung" anderer Fachwissenschaften wie z.B. Geschichte, Geographie, Philosophie, Theologie usw. von ihren jeweiligen Fachdidaktiken. [/S. 13:]

Um meine Kritik hier mit dem gebotenen kollegialen Respekt maßvoll zu halten, begnüge ich mich mit der Frage, ob Janssen wenigstens die beiden wichtigsten Konsequenzen seines Vorschlags übersehen hat:

  1. Eine "Abkoppelung der Politikdidaktik" von den konkurrierenden Theoriesystemen der Politikwissenschaft, Soziologie, Philosophie" (es fehlen Ökonomie, Recht und Zeitgeschichte) liefe Gefahr, die fachwissenschaftliche Ausbildung der angehenden Politiklehrer zu liquidieren.
  2. Eine "Repädagogisierung der politischen Bildung" (was verbirgt sich dahinter?) läuft nicht nur Gefahr, zu einer Entpolitisierung der politischen Bildung zu führen, sondern auch und in erster Linie zu einer tatsächlichen Politisierung im Sinne derer, die mittels staatlicher Prüfungsordnungen (vor allem im 2. Lehrexamen), Richtlinien, auch nicht zuletzt von ihnen zuzulassender Unterrichtsmaterialien Politik in der Schule betreiben (wollen).

Resümee: Janssens Plädoyer für einen methodenorientierten politischen Unterricht, verschärft durch seinen Vorschlag "der Abkoppelung der Politik-Didaktik' von ihren Bezugs-Fachwissenschaften bzw. der "Repädagogisierung der politischen Bildung", kann (wie die Vorsilbe "Re" bereits besagt) zu nichts anderem zurückführen als zur politischen Bildung der fünfziger Jahre. Es ist allerdings Janssens Verdienst, eine "Diskussion über die 'politische Bildung am Ende der Achtziger Jahre"' ausgelöst zu haben, die Goethes Einsicht belegt: "Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen."