Uhl, Herbert: Didaktik der politischen Bildung - mehr als nur Methodenoptimierung. Das Unbehagen der Praktiker an der Theorie (P-u 3/1988)

Didaktiker der politischen Bildung bevorzugen den Streit um Grundsätzliches, das So-und-nicht-anders. Zu diesem Ergebnis kann kommen, wer die neue Kontroverse über Bernd Janssens "Lernwege" verfolgt. Während frühere didaktische [/S. 13:] Auseinandersetzungen vor allem über die normative Ausrichtung der politischen Bildung, den unterschiedlichen Instrumenten und Verfahren zur Legitimation der Lernziele geführt wurden, geht es seit Janssens "Wegen politischen Lernens" um die "methodenorientierte Politikdidaktik", die er als "prinzipielle Alternative zu den traditionellen, d.h. zielorientierten Konzeptionen des politischen Unterrichts" versteht (B. Janssen 1986, S. 5).

Solche Auseinandersetzungen weisen auf ein Unbehagen an der politischen Bildung hin; dessen Motive werden allerdings unterschiedlich benannt und beschrieben. Wenn ich Janssen richtig interpretiere, handelt es sich bei ihm um ein Unbehagen an der Praxis des politischen Unterrichts; dessen Defizite sieht er in der "Hochschul-Didaktik" der politischen Bildung begründet. Sein Vorwurf lautet in Stichworten: Die didaktische Theorie produzierte in der Vergangenheit illusionäre Zielvorstellungen; in der Praxis des Unterrichts herrscht Resignation; diese ist eine unmittelbare und ausschließliche Folge der zwangsläufig gebrochenen und defizitären Umsetzung einer zu anspruchsvoll formulierten Theorie.

Auf die Frage, ob diese Kritik und ihre Ursachenbeschreibung begründet sind, soll im folgenden ausführlich eingegangen werden. Vorab zwei Vorbemerkungen:

  1. Die Abkoppelung der Hochschul-Lehre von der Unterrichtserfahrung hat ihre Ursache nicht nur, wie Janssen unterstellt, in der Unfähigkeit oder in mangelnder Bereitschaft der Hochschul-Didaktiker zur praxisbezogenen Arbeit. Sie ist auch strukturell, d.h. in der Anlage des Studien- und Ausbildungsbetriebs begründet. Etwa in der weitgehenden Abschottung der zweiten Phase der Lehrerausbildung und der Weiterbildung von den Hochschulen - eine organisatorische und personelle Verzahnung würde eine konkrete Form der Rückmeldung aus der Praxis darstellen und nützliche Impulse aus dem Alltag der politischen Bildung liefern.
  2. Das von Janssen konstatierte Unbehagen am politischen Unterricht resultiert nicht nur aus dem Umstand, daß [/S. 14:] Didaktiker und in deren Folge Lehrerinnen und Lehrer zu viel wollen und zu wenig erreichen, Weil sie nicht qualifiziert sind, methodenorientiert Unterricht zu planen und zu organisieren. Es ist auch eine Folge der Erfahrung, daß sich die Gegenstände politischen Lernens in mehrfacher Hinsicht als "sperrig" erweisen, der Zugang zu ihnen und die Auseinandersetzung mit ihnen demnach nicht nur von einer methodisch gelungenen Aufarbeitung abhängt. Dies behauptet Janssen zwar nicht ausdrücklich, seine Reduktion der Didaktik auf methoden-orientierte Lernwege leistet - dies ist meine Befürchtung - einer solchen Annahme jedoch Vorschub. Im Kern kommt dies einer Verengung der Didaktik der politischen Bildung auf Methoden des Lernens und einer Abstraktion von den Inhalten gleich. Diesen Einwand will ich im folgenden kurz konkretisieren.