Roloff, Ernst-August: Theorie und "Praxis" in der Politik-Didaktik. Zu Bernd Janssens Versuch, alten Wein in neue Schläuche zu füllen. (P-u 1/1989)

Zunächst glaubte ich, dem Beitrage von TILMAN GRAMMES "10 Vorurteile gegen Fachdidaktiker" (P-u, Nr. 2/88, S. 10-19) nichts hinzufügen zu müssen, da ich dem dort dargelegten (Selbst-)Verständnis von Fachdidaktik ebenso uneingeschränkt zustimme wie der Forderung, [/S. 14:] sie möge sich stärker als eine empirische Wissenschaft vom politischen Lernen in schulischen und außerschulischen Sozialisationsprozessen verstehen, also nicht nur auf Schulunterricht beschränken. Was zum Widerspruch gegen Janssen herausfordert, ist nicht nur die anmaßende Behauptung, 90 % der didaktischen Literatur sei an den Bedürfnissen der Praxis vorbei geschrieben, sondern viel mehr die völlige Verkennung der Theorie(n) für die Praxis. Was Politik zur Wissenschaft macht, ist allein die Theorie unter Einschluß der Art und Weise, Fragen zu stellen und zu beantworten, m.a.W.: Wissenschaftliche Methodik i s t Theorie. Das ist an den von Janssen genannten Beispielen für "Lernbereiche" unschwer zu belegen:

Was, zum Beispiel, ist ein "Mißstand in der Gesellschaft"? Kann Jugendarbeitslosigkeit, Drogenkonsum oder Umweltzerstörung ohne normative Wert- und Zielsetzungen und ohne eine theoretische Erklärung der Ursachen überhaupt thematisiert werden? Sollen Lernende in einem Krieg, im Palästinenser-Konflikt oder in Nicaragua, b e i d e n kriegführenden Parteien einschließlich der USA bzw. anderen Mächten Recht geben und Verständnis entgegenbringen? Sollen sie im Streit um die 35-Stunden-Woche Arbeitgeber und Gewerkschaften gleich bewerten und sich selbst jeder Parteinahme enthalten? Ist die Einrichtung eines Frauen- oder eines Umweltdezernates in einer Stadtverwaltung eine Angelegenheit, die nach "objektiven" wissenschaftlichen Kriterien entschieden werden kann? Geht es schon nicht ohne normative Optionen, so ist eine wissenschaftliche Analyse eines Konfliktes oder eines anderen Prozesses bzw. Sachverhaltes ohne theoretische Erklärungsmuster und Hypothesen schlechthin unmöglich.

Die Pluralität wissenschaftlicher Lehrmeinungen und politischer Wertorientierungen kann niemals bedeuten, daß e i n e Persönlichkeit, sei es als Forscher, Lehrer oder sonstwie in der "Praxis" in sich pluralistisch ist und alle denkbaren Optionen gleichwertig und gleichzeitig anwendet. Habermas ist nun einmal nicht Popper, und keiner vertritt d i e Wissenschaft, ebensowenig wie ein Beitrag in einem politischen Fernsehmagazin "ausgewogen" sein kann, sondern bestenfalls das gesamte Programmangebot. Janssens "Lernweg" betont sehr viel stärker als die von ihm kritisierten Didaktiker wie Schmiederer, Giesecke und die übrigen Verfasser der 90% überflüssiger didaktischer Literatur, daß politischer Unterricht das Subjekt des Lernenden zum [/S. 15:] Ziel hat: "Welche Bedeutung hat dieser politische Grundwert für mich und mein zukünftiges Leben? ... Was folgt aus der Bearbeitung dieses politischen Grundwertes für das eigene Verhalten?" Janssen sagt, die politische Didaktik als Wissenschaft könne nicht entscheiden über das, was in der Fachwissenschaft umstritten ist. Es gibt aber nun einmal grundverschiedene, ja kontroverse Positionen in der Wissenschaft, zwischen denen sich jeder Wissenschaftler entweder entscheiden oder eine eigene Position entwickeln muß, wenn er überhaupt zum wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt beitragen will. Zwischen Carl Schmitt und Gustav Radbruch war und ist kein Kompromiß zu erwarten.

Genau das aber ist die Entwicklung in der politischen Didaktik seit der Mitte der 60er Jahre gewesen, die Janssen für abwegig hält. Zwischen Schmiederer und Sutor gibt es keinen "Kompromiß", weil beide gegensätzliche Zielwerte anstreben und von sehr unterschiedlichen theoretischen Prämissen ausgehen. Der "Praktiker" des politischen Unterrichts in der Schule muß sich ebenfalls für eine von diesen oder aber für eine der immer zahlreicher gewordenen Zwischenpositionen entscheiden. Der Prozeß der Option wird in aller Regel, jedenfalls für Lehrer/innen an Gymnasien, der Ausbildung an den Studienseminaren aufgebürdet und noch immer allzu oft vom erfahrenen Ausbilder mit den Worten eingeleitet: Nun vergessen Sie mal alle Theorien, die Sie auf der Uni gelernt haben!

Wenn die Referendare Glück haben, lernen sie durch Teilnehmerreferate zwecks Selbstbedienung einige der gängigen Theoretiker und ihre Konzeptionen kennen: Sutor, Schmiederer, Hilligen, Giesecke, vielleicht Fischer und Roloff, seit einigen Jahren verstärkt auch Gagel. S o vermittelt, sind sie für den jungen "Praktiker" natürlich wenig hilfreich; aber mir scheint mehr als fraglich zu sein, ob eine einphasige Lehrerausbildung dem von Janssen beklagten Übel abhelfen kann. Die fahrlässige Oberflächlichkeit, mit der Janssen seinen Vorwurf wiederholt, d i e Theorie der politischen Bildung dürfe sich nicht auf e i n e n Theoretiker oder e i n e Theorie gründen, entkräftet freilich nicht die Berechtigung des Postulats, das a l l e mir bekannten Fachdidaktiker einmütig ihren Konzeptionen voran- oder nachstellen, daß nämlich jeder Didaktiker und damit auch jeder Lehrer die wissenschaftliche Umstrittenheit seiner Position offenlegt. Spätestens seit Adorno sollte dies Grundsatz jedes Sozialwissenschaftlers sein.


Zurück zur Übersicht