Hilligen, Wolfgang: Regressionssymptome (P-u 1/1989)

II. Regressionssymptome

Zwei Phänomene vom März 1986 scheinen mir geeignet, wie in einem Brennspiegel zu verdeutlichen, welche eher internen Ursachen für die Misere des politischen Unterrichts angenommen werden können.

In der ZDF-Sendung "Kinder, Kinder, Jugend und Politik heute" am 20. 3. 1986 wurde vom Besuch einer 10. Realschulklasse (aus einer ungenannten Kleinstadt) im Bundestag berichtet. Vor der Fahrt nach Bonn befragte der Moderator die Schüler nach ihren Erwartungen; nach dem Besuch im Plenarsaal befragten die Schüler (entsprechend dem üblichen Programm) den Abgeordneten ihres Wahlkreises und beantworteten zum Schluß Fragen des Moderators, was ihnen "gefallen" habe und was nicht. Unterstellt, daß das Geschehen durch Auswahl und Schnitte nicht ganz verfälscht worden war, ergab sich etwa folgendes Bild: Negativ beurteilten die Schüler recht zutreffend, daß der Abgeordnete ihre Fragen äußerst langatmig beantwortete, so daß sie zu wenig zu Wort kamen. Sie tadelten, daß sich die Abgeordneten im Bundestag (obwohl doch so wenige anwesend waren) in keiner Weise "einig" seien; daß ihr Abgeordneter, als die Glocke ertönte, zu einer Abstimmung eilte und daß die Politiker viel zu große Autos haben. [/S. 19:]

Immer vorausgesetzt, daß diese Aussagen repräsentativ sind (oder, was auf dasselbe hinausliefe, vom Moderator für repräsentativ gehalten wurden), so erlauben sie folgende Aussagen: Bei den Schülern herrscht offenbar ein harmonistisch verzerrter Politikbegriff vor; sie haben so wenig Einblick in die Aufgaben der Abgeordneten, daß sie nicht einmal die Bedeutung einer Abstimmung erkennen; sie beurteilen Lebensumstände der Abgeordneten nach privaten Kriterien - freilich nicht ganz konsequent, weil sie den Politikern nicht zubilligen, was sie jedem Handwerksmeister und erst recht den Figuren aus dem Showbusiness von Herzen gönnen. Und das, obwohl sie, gemessen an der Ausdrucksweise der Zuwortgekommenen, intellektuell durchaus in der Lage schienen, ein Politikverständnis entwickelt zu haben, wie es von so gut wie allen mir bekannten Didaktikern vertreten wird. (Nebenbei: Zehn Protokolle über die Besuche von Schulklassen im Bundestag, nach den hier angedeuteten Kriterien untersucht und kommentiert, ergäben eine schöne Handreichung für die Vorbereitung derartiger Besuche.)

In der gleichen Woche gelangte die Schrift eines nun nicht mehr ganz jungen Wissenschaftlers auf meinen Tisch: Janssen, Wege politischen Lernens. [1] Mit Recht vertritt der Verfasser die These von einem methodischen Defizit im politischen Unterricht (wie ich es in Briese [2] im einzelnen thematisiert hatte). Mit der Unterscheidung zwischen der Bearbeitung eher problem/konfliktbezogener und eher institutionenkundlicher Themen, für die er eine Reihe von ("Schlüssel"-)Fragen vorschlägt (bei denen mir nicht nur die Bezeichnung irgendwie bekannt vorkommt) und mit seiner Kritik an den Artikulationsschemata anderer Didaktiker (einschließlich des meinen) reichert er die Methodendiskussion an. Vorzuwerfen ist dem Verfasser auch nicht, daß er sich nach einer Schrift, in der er den Politiklehrern empfohlen hatte, von Adorno und Bahro auszugehen, nun auf Popper und Albert stützt - Herr Keuner erbleichte bekanntlich, als ihn ein alter Freund mit den Worten begrüßte: "Sie haben sich gar nicht geändert." Erschreckend ist vielmehr zweierlei: Die Wechselbeziehung zwischen Methodik und Didaktik, die spezifisch didaktische Frage nach der Auswahl des Wissenswerten, die heute angesichts explodierenden Wissens nicht nur ein Problem schulischer Lehre ist, wird von Janssen völlig übergangen und im übrigen als Frage nach "Zielen" fehlgedeutet. Für besonders bedauerlich halte ich es aber zweitens, daß Janssen seinen Lesern wichtige Aspekte der Methode vorenthält: daß Methode zuerst und zuletzt ein Verfahren ist.

Besonderes und Allgemeines zu verknüpfen; daß der doppelte Methodenbegriff unerwähnt bleibt; daß Janssen nicht zwischen gegenstandskonstitutiven und gegenstandsadäquaten Methoden unterscheidet, vor allem aber, daß er die Bedeutung des Methodenlernens offenbar verkennt. Bundestagsbesuch und Methodenbuch lassen, wie ich meine, etwas Gemeinsames erkennen: eine Regression hinter den allgemeinen Stand dessen, was für zutreffend gehalten wird und schon einmal wirksam gewesen ist; einen Rückschritt zu apolitischen Harmonievorstellungen in der Sendung und auf die prädidaktische Epoche der politischen Bildung in Janssens Buch.

Quelle: Hilligen, Wolfgang: Politische Bildung - im cultura1 lag? In: Schörken, Rolf (Hrsg.), Der Politikunterricht der achtziger Jahre - Kritik und Impulse, Festschrift für Walter Gagel zu seinem 60. Geburtstag, [Stuttgart: Klett 1986], Heft 3/86 [19. Jg.] der Reihe Politische Bildung, S. 9-18. Die Redaktion [von Politik-unterrichten] dankt für die Abdruckgenehmigung.

Anmerkungen von sowi-online:

[1] Janssen, Bernd: Wege politischen Lernens. Methodenorientierte Politikdidaktik als Alternative zur Pädagogik der guten Absichten. Frankfurt am Main u. a.: Diesterweg 1986 (Diesterwegs rote Reihe).

[2] Hilligen, Wolfgang: Wie Reformer Didaktik, Methodik und Unterrichtspraxis vernachlässigen. In: Briese, Volker; Heitmeyer, Wilhelm; Klönne, Arno (Hg.): Entpolitisierung der Politikdidaktik. Politische Bildung zwischen Reform und Gegenreform. Weinheim u. a.: Beltz 1981.