1. Am vorläufigen Ende einer Diskussion will ich versuchen, vorwärtstreibende Momente zu betonen. Fruchtbar für die weitere Entwicklung der Politikdidaktik kann vor allem Bernd Janssens Lenkung unserer Aufmerksamkeit auf "Wege politischen Lernens" werden. Denn dies ermutigt, Politikdidaktik als Wissenschaft von den Prozessen politischen und sozialen Lernens zu konzipieren; es warnt uns alle davor, 500 Seiten dicke Abhandlungen zu verfassen, in denen wir ableiten, wie politischer Unterricht sein soll. Es verpflichtet uns darauf zu untersuchen, was tatsächlich vor sich geht: Wie gehen Schüler lernend mit den Lehrangeboten der Pädagogen um? Was lernen Jugendliche aber auch außerhalb der Schule über Politik und Gesellschaft? Bernd Janssen dagegen steht derzeit noch ganz in der deutschen normativen Tradition: er zeigt - entgegen dem eigenen Anspruch - nicht Lernwege auf, sondern Lehrwege: Was soll der Lehrer den Unterrichtsablauf strukturierend tun, damit alles besser wird als bisher. Dieses theoretische Konzept bleibt zunächst genauso Versprechen, daß bei seiner Anwendung alles besser würde, wie die Vorschläge von Giesecke, Schmiederer u.a.; über das Lernen der Schüler erfahren wir dagegen noch zu wenig.
  2. Wir Fachdidaktiker benötigen daher bundesweit eine Lobby, die an Lernprozessen orientierte empirische Grundlagenforschung fördert. Die Basiskonzepte und -hypothesen, die solche Forschung leiten könnten, liegen nach dem Boom von Handbüchern in der politischen Bildung jetzt als tragfähige Fundamente vor. Es würde der bundesdeutschen fachdidaktischen Diskussion gut bekommen, wenn sie die an Lernprozessen und Kognitionen orientierten Arbeiten im angloamerikanischen und skandinavischen Sprachraum gelegentlich zur Kenntnis nähme.
  3. In solchen Untersuchungen zeigte sich die Brisanz des Verhältnisses von sozialwissenschaftlicher Theorie und pädagogischer Praxis erst in voller Schärfe: das Problem besteht nicht darin, daß wir bisher nicht über die richtige Anleitung, was zu tun sei, verfügten. Vielmehr gelingt es uns im Unterricht [/S. 33:] zu wenig, die inhaltlichen Deutungen gesellschaftlicher und politischer Realität, die Schüler in den Unterricht immer schon einbringen und - unfertig und scheu oft - formulieren, aufzugreifen, um diese in eine kontroverse Diskussion einzubinden. Deshalb bleibt es oft beim Laberfach. In den Köpfen der Schüler bewegt sich nichts, weil sie nicht durch anspruchsvolle Aufgaben herausgefordert und in ihren Alltagsansichten provoziert werden. Warum aber stehen sich engagierte Lehrer, die sich selbst als politisch verstehen und die ihren Unterricht methodisch gut durchdacht haben, oft selbst im Weg und erreichen einen inhaltlich so unpolitischen Unterricht? Es gibt Hinweise darauf, die Ursache dafür in einem problematischen Politikverständnis der Lehrer selbst zu suchen (vgl. Grammes/Kuhn 1988). Auch diese These müßte erst genauer empirisch überprüft werden. Die Funktion von Wissenschaft wäre es dann, defizitäre Alltagstheorien der Pädagogen zu kritisieren und zu untersuchen, warum die bisherigen Anleitungen nicht greifen, bevor neue Anleitungen gegeben werden.
  4. Bernd Janssen träumt von einer didaktischen Literatur, nach der Lehrer greifen wie nach einem spannenden Krimi und die ermutigt, bereits am kommenden Montag besseren Politikunterricht zu gestalten. Glücklicherweise gibt es solche Texte: Michael Dorns Aufsatz "Entdeckendes Lernen: Methodenlernen und Aufgabenlösen" (1988) bringt Beispiele für die Kunst, "tote Sachverhalte in lebendige Handlungen rückzuverwandeln (Heinrich Roth); hier liegt ein politikspezifisches Konzept vor, das Inhalte und Methoden verbindet: Wie können durch genetisches Lernen abstrakte Ergebnisse wissenschaftlicher Theorie so "verflüssigt" werden, daß sie in Form aufgabenhaltiger Handlungssituationen wieder einen Bezug zur lebensweltlichen Orientierung des Schülers gewinnen? Hier wird der Trialektik (Klafki) von Sachstruktur, Schülerorientierung und Lernprozeß angemessen Rechnung getragen und diese nicht einseitig mal nach der Seite der Methode, im nächsten Konjunkturzyklus nach der Seite der Inhalte aufgelöst.
  5. Fachdidaktische Theorie braucht jeweils einen dezidierten Untersuchungsansatz, um zu spezifischen Ergebnissen zu gelangen [/S. 34:] und die Bedingungen der Möglichkeit eines kontroversen Unterrichts im Sinne des Beutelsbacher Konsenses auszuloten. Der Unterricht als ganzes, nicht die einzelne Theorie in sich, soll pluralistisch sein! Der Beutelsbacher Konsens zielt auf Väterrecht und sagt nicht, daß alle Didaktiker fortan einer Meinung sein sollten. Allerdings, und dies sollte Janssen stärker betonen: auch der Lehrer vor der Klasse soll "Flagge zeigen", anstatt sich seinen Schülern als apolitisches Neutrum zu präsentieren. Nicht Standpunktneutralität in Form eines falsch verstandenen Pluralismus, sondern die "Kontroverse ist das Markenzeichen politischer Bildung" (Reinhardt 1988) - und als solche profiliert beginnt sie nun auch in der Öffentlichkeit akzeptiert zu werden.
  6. Was ich mir noch wünschen würde ist, daß das unproduktive gegeneinander Ausspielen von Wissenschaftlern und Schulpraktikern aufhört. Viele, die in der Diskussion um die politische Bildung sich äußern, kommen nicht nur aus der Schulpraxis oder der außerschulischen Arbeit, sondern vereinen Theorie und Praxis in Personalunion. Ich glaube, wir haben hier einen Stand erreicht, der etwa ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen vergleichbar ist. Den Transfer von Theorie und Praxis, die Lernwege der Lehrer und Wissenschaftler durch systematische Beurlaubungen und Fortbildungen weiter zu fördern, bleibt Aufgabe der Bildungspolitik. Denn: Politik ist ein schwieriger Gegenstand und noch mehr ein schwierig zu unterrichtendes Fach.

Literatur:

Michael Dorn: Entdeckendes Lernen: Methodenlernen und Aufgabenlösen. In: Walter Gagel/Dieter Menne (Hg.): Politikunterricht. Handbuch zu den Richtlinien NRW, Opladen 1988, S. 155-164.

Tilman Grammes/Hans Werner Kuhn: Unpolitischer Politikunterricht? Versuch einer qualitativen fachdidaktischen Analyse. In: Gegenwartskunde [37. Jg.] 1988, Heft 4 [S. 491-499].

Sibylle Reinhardt: Kontroverses Denken, Überwältigungsverbot und Lehrerrolle. In: Gagel/Menne 1988, S. 65-74.