Gagel, Walter: "Gegenangriff", aber kein Diskurs (P-u 1/1989)

Danken werden es die Leser Bernd Janssen, daß er sich in seiner Entgegnung auf seine sieben Kritiker kurz gefaßt hat; l0 Seiten beansprucht er in P-u 2/88, um auf die vorhergehenden 69 Seiten kritischer Auseinandersetzung mit seinem Aufsatz in 2/87 einzugehen. Aber wie nutzt er diesen knappen Raum? Auf S. 20-21 legt er nochmals seine Auffassung von der Entfremdung zwischen Theorie und Praxis dar, auf S. 22 findet man unter der Überschrift "Gegenangriff" die Auseinandersetzung mit den Kritikern; dort werden Sutor und Giesecke erwähnt, die sich aber nicht beteiligt haben, bei Koch wird beanstandet, daß er Ernst Bloch heranzieht, bei Willenbacher, daß er einen bestimmten Politikbegriff wählt. Das war's dann. Die anderen Kritiker werden gar nicht beachtet. Es folgt auf S. 23-24 nochmals seine Kritik an den Theorien, die man schon früher lesen konnte, und schließlich auf S. 25-29 für die, die es immer noch nicht begriffen haben, wiederum die Darstellung der Lernwege mit einer neuen Variante.

Der Herausgeber hatte anerkennenswerterweise versucht, eine Diskussion über die Thesen von Bernd Janssen anzuregen. Eine verhältnismäßig große Zahl von Didaktikern hatte begründete Einwände vorgebracht. Für sie genügt eine Seite. "Gegenangriff": Ich werde den Eindruck nicht los, daß sich Janssen in seiner Festung verschanzt hat, aus welcher er seine Kritiker als Feinde argwöhnisch belauert. Deren Kritik soll an der Mauer der Nichtachtung zerschellen, gelegentlich finden Ausfälle aus der Festung statt.

Ist dies die Vorstellung des Autors von einem wissenschaftlichen Diskurs? Was auch immer vorgebracht wird: Janssen bleibt dabei, daß die Didaktiker allesamt praxisfern seien. Giesecke ist nur im Rahmen seines Schulpraktikums in der Schule gewesen, und das mittlerweile vor 30 Jahren, - was besagt dieses Detail? Janssen müßte wissen, daß die Mehrzahl der von ihm kritisierten Didaktiker, vor allem der älteren Generation, weitaus länger in der Schule unterrichtet hat als er selber, - Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte, worauf auch Willenbacher hinweist (1/88, S. 14). Was soll also das Argument der Praxisferne, wenn es auf Fehlinformationen beruht [/S. 17:] oder vielleicht auf der eigenen Unfähigkeit, didaktische Konzeptionen wirklich zu lesen, also auch auf "Praxis" hin zu lesen: Grammes hat sehr deutlich dargelegt (2/88, S. 10 ff.), daß Janssens Polemik auf oberflächlicher Kenntnis, vielleicht auch auf Unkenntnis der Didaktiker beruht. Weiler deckt Mängel der wissenschaftlichen Fundierung auf (3/87, S. 51 ff.), Weißeno entwickelt eine weitgespannte, genau begründete Kritik (3/87, S. 40 ff.), u.a. auch an der Darlegung des Theorie-Praxis-Verhältnisses. Zu alledem schweigt Janssen.

Ich mache Bernd Janssen den Vorwurf, daß er die seltene Chance, einen wissenschaftlichen Diskurs in unserer Disziplin zu führen, welche diese Zeitschrift anbot, vertan hat. Und es wäre sogar seine Verpflichtung gewesen. Immerhin handelt es sich bei der Veröffentlichung, welche dem Aufsatz in P-u zugrundeliegt, um die Habilitationsschrift des Autors. Man sollte meinen, eine solche Schrift ist, wenn sie eine Fakultät oder ein Fachbereich angenommen hat, derartig fundiert gearbeitet, daß ihr Autor nicht ausweichen muß, sondern seinen Kritikern souverän standhalten kann. Und selbstverständlich ist er dann auch befähigt, dem Niveau und der Argumentationsschärfe seiner Kritiker adäquat wissenschaftlich zu disputieren. Nur sollte er es auch tun. Denn die scientific community hat den Anspruch, daß sich ein derartig qualifiziertes Mitglied ihrem Diskurs stellt; davon lebt sie. Wer sich dem entzieht, erweckt zwangsläufig den Verdacht, daß alles auf tönernen Füßen steht, von der Mißachtung der Disputanten ganz zu schweigen.

Dabei ist Janssens Kerngedanke ja durchaus diskutabel. Die Idee, sachstrukturell bedingte, unterschiedliche "Lernwege" zu entwickeln, ist erwägenswert. Daß Sache und Methode zusammenhängen, ist einleuchtend und von anderen auch gesehen worden. Daß hier sich eine Beziehung zum "Lernen" oder "Unterrichten" anbietet, könnte hilfreich ausgewertet werden. Daß es Varianten von Artikulationsstufen für den politischen Unterricht gibt, das war früher in der politischen Didaktik nicht so selbstverständlich. Warum sich diese Varianten nur auf "Sachen" und nicht auch auf "Lernaufgaben" beziehen sollen, das müßte Janssen jedoch noch begründen. Ich sehe darin eine Verengung, eine bewußte Abschottung gegen die bisherige didaktische Diskussion ("Widerstand gegen das Vorgedachte", so [/S. 18:] Janssen im Vorwort seiner Schrift), die ihn selber einem Dogmatismus verfallen läßt, den er bei anderen als Sektierertum (vgl. 2/88, S. 24) so heftig kritisiert. Daß Lernprozesse "reflexiv" angelegt werden kennen oder sollen (vgl. .3. Schritt: Sich selbst befragen, 2/88, S. 27), ist erwägenswert, auch wenn die folgende Schlüsselfrage gleich selber wieder die Frage aufwirft, was für ein "Ich" hier gemeint sei. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, ob hier nicht die Aufmerksamkeit des Lehrers auf Lernsituationen seines Unterrichts eröffnet wird, - das könnte sich als sehr nützlich erweisen, müßte aber erst noch expliziert werden. Zu fragen wäre auch, warum bei der Konstruktion der "Lernwege" alle Erkenntnisse über die Struktur von Lernprozessen unbedingt über Bord geworfen werden müssen. Und es wäre zu fragen, warum man im Handstreich die ganze Fachdidaktik revolutionieren muß, wenn man nichts anderes vorhat, als vielleicht brauchbare Vorschläge zur Methode zu machen.

Aber was sollen wir uns den Kopf zerbrechen! Der Autor verschanzt sich ja hinter der Mauer des Schweigens. So bleibt es dabei: "Gegenangriff", aber kein Diskurs.


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