Dosch, Roland: Anmerkungen zu Bernd Janssen: Plädoyer für eine methodenorientierte Politikdidaktik in: Nr. 2/87 (P-u 3/1987)

Angefüllt mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen aus vielen Sozialkundestunden (so die Fachbezeichnung in Rheinland-Pfalz) an Berufsschulen, die selbst zu halten oder bei Lehramtsanwärtern zu beurteilen waren, greift man begierig nach dem von Janssen vorgelegten Aufsatz. Das Stichwort Methodenorientierung verspricht die Lösung vieler Probleme.

Nach wie vor wird der Unterricht an Zielen ausgerichtet, die oft nichts anderes sind als mit Verhaltensfloskeln verzierte Inhaltsanhäufungen. Anvisiert wird viel eher die Fähigkeit zur Wiedergabe von Inhalten als die Fähigkeit zur Auseinandersetzung mit Inhalten. Wissen[s]speicherung über alles, Könnensvermittlung zumeist Fehlanzeige! Es erfolgt kaum ein Versuch, Sozialkundeunterricht anderen als den allgemein üblichen unterrichtlichen Gestaltungsprinzipien zu unterstellen. Im Ermessensspielraum zwischen Frontal- und Gruppenunterricht einerseits, fragend-entwickelndem und darstellend-erarbeitendem Unterrichtsverfahren andererseits, erschöpft sich auch die Methodenreflexion des Sozialkundeunterrichts.

Methodenplanung erscheint als Anhängsel der einmal getroffenen inhaltlich-didaktischen Entscheidung, oftmals von fachfremden Erwägungen getragen: Große, zur Unruhe neigende Klasse = Frontalunterricht; klei[/S. 49:]ne, friedliche Klasse = Ansatz zum Gruppenunterricht. Ob fragend-entwickelnd oder darstellend-erarbeitend, allemal fungiert der Lehrer als Stimulator, als Relaisstation des Unterrichts. Lehrerdominanz ist ein oft gehörter Vorwurf an die Lehreradresse, aber wie könnte es bei diesem eingeschränkten Methodenverständnis auch anders sein?

Manchmal schreckt man auf, macht sich bewußt, daß Sozialkundeunterricht qua Methode zur Selbständigkeit des Schülers führen sollte: Sozialkundeunterricht sozusagen als Trainingsfeld für die Auseinandersetzung mit Politik ohne Lehrer, für die Zeit nach der Schule. Doch dann obsiegt wieder der alte Trott. Den Blick starr auf die Inhalte gerichtet, zieht der Lehrer die mehr oder minder lernbereiten Schüler hinter sich her. Politische Bildung?!

Methodenorientierung, so wie sie Bernd Janssen versteht, macht aus diesen gelegentlichen Momenten der Reflexionsbereitschaft ein Programm. Methoden bezeichnet er als Lernwege. Die Klarheit und aufgabenbezogene Adäquanz des Lernwegs entscheidet über sach- und fachgerechte Erschließung eines Gegenstand[s]bereichs. Von daher betrachtet, gelangt der Schüler fast automatisch in den Mittelpunkt des Geschehens. Der Lehrer wird sich nun fragen müssen: "Wie nähert sich der Schüler dem Gegenstand?' Die dazu erforderlichen Lernschritte könnten dann erste Gehversuche auf dem Weg zur Schülerselbständigkeit sein. Bei entsprechender Konsequenz gelänge es dem Lehrer sogar, sich allmählich aus seiner zentralen Position zurückzuziehen, und zum Interesse seiner Schüler, die eines Tages ohne ihn auskommen müssen.

Gerade für die Berufsschule sind darum die Ausführungen von Janssen beachtenswert, findet doch hier für viele junge Menschen zum letzten Mal in ihrer schulischen Laufbahn eine vermittelte Begegnung mit Politik statt. Zudem: Die Schüler der Berufsschule werden immer älter. In Rheinland-Pfalz beträgt das Durchschnittsalter mehr als 18 Jahre. Für diese jungen Erwachsenen ist es schlechterdings unzumutbar, nur von Lehrern ausgesuchte Inhalte nach lehrerdominanter Methode und Methodik zu "lernen". Dort, wo unter Berufung auf die Tradition immer noch derart Unterricht praktiziert wird, macht sich unübersehbar Verdruß breit.

Den Überlegungen von B. Janssen hinsichtlich ihrer unterrichtspraktischen Relevanz ist deshalb zuzustimmen, nicht so ihrem kritischen Ansatz. Janssen macht die Politikdidaktik für das ''Aschenbrödeldasein" der Methodik verantwortlich. Hier sind Einwände anzumelden. [/S. 50:]

Es fällt auf, daß Janssen zwischen Methode und Methodik keinen Unterschied macht. Methode beschreibt m.E. die Grundintention, nach der ein Lehrer seine Schüler zu politischer Denk- und Handlungsfähigkeit bringt. Die Aufgabe des Lehrers besteht also darin, den Schülern "Methode" beizubringen, d.h. den Schüler zu sachgerechten, weil lebenswichtigen Fragen zu qualifizieren.

Insofern gibt Janssen Methodenempfehlungen, und somit bewegt er sich durchaus auf dem Pfad erprobter Politikdidaktik. Nichts anderes will z.B. Wolfgang Hilligen mit seinen Kernfragen nach Chancen und Gefahren im Hinblick auf gesellschaftlich-politisches Leben und überleben. Das von Hilligen zwecks unterrichtlicher Fragesicherung sodann angebotene Artikulationsschema (1) erscheint den Lernwegen von B. Janssen zumindest verwandt. Auch die Leitfragen der politikdidaktisch-methodischen Analyse von Bernhard Claußen (2) lassen sich im Sinne von Janssen auf Unterrichtsmethode ausrichten. Ja sogar die Konzeptionen von Hermann Giesecke und Bernhard Sutor implizieren Unterrichtsmethode, wenn man sich der Mühe unterzieht, Unterricht nach fachdidaktischen Vorgaben zu konzipieren (3).

Das Problem Unterrichtsmethode rührt also nicht von den politikdidaktischen Konzeptionen her, sondern eher von den Unterrichtspraktikern, die nur zögerlich bereit sind, damit zu arbeiten. Dazu kommt die fehlende Bereitschaft der Fachdidaktiker, sich um die Akzeptanz ihrer Entwürfe in der Praxis zu kümmern. Es gibt da eine eigenartige Bescheidenheit, sobald es darum gehen könnte, das Theoretisch-Modellhafte mit der Unterrichtswirklichkeit - zumal der in der Berufsschule - zu konfrontieren. Insofern hat Janssen recht, wenn er darauf hinweist, daß der Lehrer vor Ort alleingelassen werde.

In Ergänzung zu Methode bezeichnet Methodik alle Arbeitsweisen im Unterricht, die dazu beitragen, das Fragenkönnen im Sinne von Methode zu proben. Bildlich gesprochen sind Methodiken die Trittplatten auf Janssens Lernwegen. Wenn es z.B. heißt "5. Schritt: Politische Möglichkeiten der Problembegrenzung kritisch untersuchen", so ist noch nichts darüber ausgesagt, in welcher Weise und mit welchen Mitteln diese Untersuchung vor sich gehen sollte. Die unbedachte Methodik-Entscheidung kann u.U. das methodische Vorhaben zunichte machen. Auch Methodiken (Arbeitsweisen) sind nicht beliebig austauschbar. [/S. 51:]

Janssen hat mit seinem Beitrag auf die Bedeutung der Unterrichtsmethode hingewiesen. Das ist wichtig und richtig. Eine methodenorientierte Politikdidaktik sollte jedoch noch ein Stück weiter gehen und auch die Unterrichtsmethodik erfassen. Möglicherweise bietet sich hier ein ergiebiges Betätigungsfeld für gemeinsames Tun von Politikdidaktikern und Unterrichtspraktikern. Der Berufsschule wäre es zu wünschen!

Anmerkungen

  1. Hilligen, W.: Zur Didaktik des politischen Unterrichts. 4. völlig neu bearbeitete Auflage. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Band 228. Bonn 1985, S. 203 ff.
  2. Claußen, B.: Methodik der politischen Bildung. Opladen 1981, S. 171 ff.
  3. Dosch, R.: Lernzielorientierter Politikunterricht an berufsbildenden Schulen. Rinteln 1983.