Arbeitsmarkt-Reportage - ein Projektbericht

Joachim Bohn

Inhalt

1. Begründung der Methodenwahl
2. Materialien zur Unterrichtseinheit
3. Vorarbeiten des Lehrers
4. Die Arbeit der Reportageteams
5. Präsentation und Auswertung
6. Zum Autor

Abbildungen

1. Aufgaben der Teams
2. Textpaket
3. Team 4 bereitet das Interview mit einem "Arbeitslosen" vor
4. Medienangebote
5. Team 1 bei der Erstellung des Reportageplanes (hier nicht aufgenommen; d. Red.)

Material

1. Auszüge aus der fertigen Reportage

 

Arbeitslosigkeit wird von Jugendlichen nicht selten als fernstehendes, sie nicht betreffendes Problem eingestuft, vor allem, wenn sie gerade erst eine Berufsausbildung begonnen haben.
Die reale Arbeitsmarktsituation wird nur marginal zur Kenntnis genommen, Arbeitslosigkeit eher als persönliches Versagen der Betroffenen denn als gesellschaftliches Problem gesehen. Mit dem Erstellen einer Reportage sollen die Ursachen der Arbeitslosigkeit, die Probleme der Betroffenen und mögliche Hilfen des Arbeitsamtes in den Blick gebracht und bestehende Vorurteile abgebaut werden.
In diesem Sinne ging es um folgende Unterrichtsinhalte:

  • Ursachen und Gründe der Arbeitslosigkeit,
  • gegenwärtige Situation des Arbeitsmarktes,
  • die Situation von Betroffenen,
  • Hilfen des Arbeitsamtes,
  • was kann der Arbeitnehmer selbst gegen potentielle/reale Arbeitslosigkeit tun.

1. Begründung der Methodenwahl

Ähnlich wie beim Rollenspiel befassen sich die Schüler bei der Vorbereitung und Realisierung ihrer Reportage recht intensiv und "lebendig" mit dem Problemkreis Arbeitslosigkeit. Durch das eigene Handeln entwickeln sie soziale Handlungskompetenz. Für mich waren letztlich folgende Gründe ausschlaggebend dafür, nicht den üblichen Unterricht zu inszenieren, sondern das Projekt in Angriff zu nehmen:
- Durch die eigene Inszenierung wird Betroffenheit hergestellt. Bestehende Vorurteile und Fehleinschätzungen über Ursachen von Arbeitslosigkeit und über die Situation der Betroffenen werden durch den Zwang, sich stärker in die Situation von Arbeitslosen hineinzudenken, eher abgebaut als im üblichen lehrerzentrierten Belehrungsunterricht; darüber hinaus weckt die Auseinandersetzung mit den vorgegebenen Texten Verständnis für die Situation von Arbeitslosen.

  • Durch diese Art des Unterrichts wird neben dem Sachwissen vor allem Methoden-, Sozial- und letztlich auch Sprachkompetenz erworben.
  • Die Schüler können sich stärker in den Unterricht einbringen und sich im eigenständigen Planen, Entscheiden, Organisieren, Gestalten und Kooperieren üben. Dies entspricht exakt der zur Zeit stark geforderten Vermittlung von sogenannten Schlüsselqualifikationen.
  • Die Workshopatmosphäre steigert die Motivation bei Schülern und Lehrer. Man erlebt die Klasse erfahrungsgemäß ganz anders als im Normalunterricht. Schüler, denen es im frontalen Normalunterricht schwer fällt, ihre Motorik zu unterdrücken, entfalten in dieser projektorientierten Unterrichtssituation Fähigkeiten, die ansonsten brach liegen. Scheinbar ruhige Schüler sind voller Aktivitäten. Organisationstalente entpuppen sich, dauernde Störer (im Frontalunterricht) arbeiten aktiv mit.
  • Die Lehrerdominanz während des Unterrichts wird abgebaut. Die unterrichtliche Belastung (dauerndes Reden vor der Klasse) wird weitgehend reduziert. Man schont seine eh schon angegriffene Stimme. Man geht von Gruppe zu Gruppe, verrichtet Koordinierungsarbeiten und gibt Hilfestellungen, wenn eine Gruppe danach verlangt. Seine eigentliche Arbeit hat der Lehrer mit Projektbeginn schon zum größten Teil getan: Er hat, soweit möglich, das Projekt geplant und das wichtige Textpaket zusammengestellt. (s. Abb. 3)
  • Diese Lernorganisation begünstigt den längerfristigen Lernerfolg, denn das, was die Schüler eigenständig erarbeitet haben, bleibt erfahrungsgemäß besser hängen als das, was nur rezeptiv abgehandelt wird. Ganz nebenbei: Das Lernverhalten während der Arbeitsphase kann auch in die Schülerbeurteilung einfließen.

Die
Arbeitsmarkt
-
Reportage
der
IM 91 b

+ Team 1:

Einführungsmoderation (Aktuelle Arbeitsmarktsituation), Zwischentexte und Musik

+ Team 2:

Interviews mit Passanten zum Thema Arbeitslosigkeit (in der Fußgängerzone)

+ Team 3:

Interview mit einem "Arbeitsmarktexperten" (Herausarbeitung der Gründe und Ursachen für Arbeitslosigkeit)


+ Team 4:

Interview mit einem "Arbeitslosen" (Erfragung der persönlichen Situation von Betroffenen)


+ Team 5:

Interview mit einem Mitarbeiter des Arbeitsamtes (Darstellung der Hilfen des Arbeitsamtes bei/gegen Arbeitslosigkeit)

Abb. 1: Aufgaben der Teams

2. Materialien zur Unterrichtseinheit

Um die Schüler in die Lage zu versetzen, die gestellten Aufgaben zu lösen, stellte ich ihnen ein Textpaket zusammen (siehe Abb. 1), aus dem sie alle für ihre Reportage notwendigen Informationen entnehmen konnten (Quellen: siehe Abb. 4). Zusätzlich besorgte ich einige Leerkassetten sowie Verlängerungsleitungen mit Mehrfachsteckern, um den reibungslosen technischen Ablauf des Projektes zu ermöglichen.[/S. 22:]

3. Vorarbeiten des Lehrers

Die wesentlichen Vorarbeiten bestanden in der Festlegung der Projektschritte (Unterrichtsablaufplanung mit zeitlichem Rahmen) und im Zusammenstellen des Textpaketes als Arbeitsgrundlage für die Schüler. Da die Qualität der zur Verfügung gestellten Materialien wesentlich die Qualität der Reportage bestimmen, muss auf deren Auswahl besonderer Wert gelegt werden. Im Einzelnen handelte es sich um folgende Materialien:

a.) drei kurze aktuelle Zeitungsartikel über die monatliche Arbeitslosenstatistik der Bundesanstalt für Arbeit,

b.) Sachtext über gesundheitliche Auswirkungen von Arbeitslosigkeit,

c.) Sachtext über Formen der Arbeitslosigkeit,

d.) "Als Arbeitslose abgestempelt, der soziale Abstieg" Situationsbeschreibungen und

e.) Globus-Zahlenbilder mit statistischen Daten zur Arbeitslosigkeit.

Die Ausgabe des Textpaketes auf farbigem Papier mit vorgeheftetem Titelblatt steigerte die Motivation der Schüler. Die Mehrkosten für die Kopien auf farbigem Papier sind gering. Ich benutze in der Regel eigenes Papier, das ich bei Bedarf in den Schulkopierer einlege. In diesem Zusammenhang besorgte ich mir zusätzlich über die LVA und das Arbeitsamt die beiden Broschüren "Berufsanfänger und die Sozialversicherung" und "was? wieviel? wer? eine kleine Fibel über die finanziellen Hilfen des Arbeitsamtes" (siehe Abb. 4) jeweils im Klassensatz (Anruf drei Wochen vor Projektbeginn genügte) und machte auch diese beiden kostenlos erhaltenen Materialien den Schülern zugänglich. Mit dem Arbeitsamtsmitarbeiter musste frühzeitig (auch drei Wochen vor Projektbeginn) ein verbindlicher Termin vereinbart werden (Anruf genügte auch hier).

 

Vom Lehrer bereitgestellte
Schülermaterialien:

Textpaket (fünf Seiten)

  • Titelblatt mit Themenstellung
  • zwei aktuelle Zeitungsausschnitte
  • einige Globusbilder
  • einige Situationsbeschreibungen der Lebenssituation Arbeitsloser
  • Sachtexte über Gründe und Ursachen von Arbeitslosigkeit

Zwei Broschüren über die Sozialversicherung und die Hilfen des Arbeitsamtes

Abb. 2: Textpaket

4. Die Arbeit der Reportageteams

  • Meine Projektgruppe war eine Berufsschulklasse des Metallbereiches (Industriemechaniker, Fachrichtung Betriebstechnik, 2. Ausbildungsjahr) mit 28 Schülern. Für das Projekt standen sieben Unterrichtsstunden zur Verfügung, verteilt über vier Wochen mit je einer Doppelstunde in den ersten drei Projektwochen und einer abschließenden Einzelstunde.
    Die 1. Stunde diente der Vorstellung des Projektes durch den Lehrer, die Festlegung der fünf Teams und der Zuordnung der Themen zu den einzelnen Teams. In der 7. Stunde wurde die Reportage der Klasse präsentiert und ausgewertet. Da in der 6. Projektstunde voraussichtlich vor allem das "Studioteam" mit dem Zusammenschnitt der Reportage beschäftigt sein würde, habe ich vorausschauend für die anderen Teams zu dieser Stunde ein themenorientiertes Wissensspiel über die Sozialversicherung mitgebracht, das die Zeit bis zur Präsentation sinnvoll überbrückte. Um einen reibungslosen Projektablauf zu gewährleisten, sollten für die Aufzeichnungen Ausweichräume zur Verfügung stehen, um gegenseitige Störungen bei den Aufnahmen zu vermeiden. Zusätzlich gab ich folgende Vorgaben für die Arbeit in den einzelnen Gruppen:
  • Die Reportageteile dürfen nicht länger als 3-4 Minuten sein; die Gesamtlänge der Reportage darf also 20 Minuten nicht übersteigen.
  • In der 2. und 3. Projektstunde werden die Reportageteile entworfen und das Textpaket daraufhin zielgerichtet bearbeitet (Aneignung von Sachwissen).
  • Zur 3. Stunde muss jedes Team die benötigten Aufnahmegeräte mitbringen (Kassettenrecorder, Mikrofon).
  • Mit Ende der 5. Unterrichtsstunde müssen alle Reportageteile aufgezeichnet und auf die vorgegebene Länge geschnitten sein.
  • Die 6. Stunde dient der Zusammenstellung der Gesamtreportage.
  • In der 7. Stunde wird die fertige Reportage vor der Klasse präsentiert.

Mit diesen für alle gültigen Vorgaben konnten die Teams nach der Verteilung der Materialien in die Projektarbeitsphase einsteigen.

Abb. 3: Team 4 bereitet Interview mit einem Arbeitslosen vor

· Team 1
Aufgabe: Ihr seid die "Studioredaktion". Erstellt eine Einführungsmoderation zu unserer Arbeitsmarktreportage, die aktuelle Daten zur Arbeitsmarktsituation enthält. Verfasst weiterhin die Zwischentexte zu den einzelnen Reportageteilen und wählt Musikteile aus, die ihr zwischen den einzelnen Reportageteilen einspielt. Textgrundlage für die Einführungsmoderation sollten insbesondere Zeitungsartikel und die Globus-Bilder sein.

Mit dieser Aufgabenstellung war Team 1 ab der zweiten Stunde damit beschäftigt, aus den Textinformationen, vor allem aus den aktuellen Zeitungsartikeln, die Einführungsmoderation zu entwerfen. Gegen Ende der dritten Stunde stand der Text [/S. 23:] fest. In den beiden folgenden Stunden beschäftigte sich Team 1 mit der Koordination der Reportagebeiträge der anderen Gruppen. Es erstellte einen Ablaufplan, aus dem die Reihenfolge der Reportagebeiträge sowie die Positionen der Musikeinspielungen und der Zwischentexte hervorging. Es informierte sich bei den anderen Teams über die Namen der Reporter und der Interviewten, um die Zwischentexte aufnehmen zu können. Ein Schüler wurde beauftragt, ausgesuchte Musikstücke zu Hause aufzunehmen und das Band zur nächsten Stunde mitzubringen. Am Ende der 5. Stunde hatte Team 1 alle Zwischentexte und die Einführungsmoderation auf Band.
In der 6. Stunde war das Team mit dem Zusammenstellen aller Reportageteile beschäftigt. Termingerecht konnte die Reportage der Klasse in der 7. Projektstunde präsentiert werden.

· Team 2
Aufgabe: Geht in die Fußgängerzone und interviewt Passanten zum Thema Arbeitslosigkeit. Denkt Euch dazu Fragen aus, die die Leute ansprechen könnten, die aber auch die vielfältigen Aspekte des Themas berücksichtigen. Benutzt Euer Textpaket als Entscheidungshilfe bei der Frageauswahl.
Das Team verschaffte sich in der 2. Stunde einen Überblick über die im Textpaket angesprochenen Themenbereiche und entwickelte entsprechende Fragen. Diese beinhalteten sowohl gesamtwirtschaftliche als auch individuelle Aspekte der Arbeitslosigkeit. In den beiden Folgestunden (3. und 4. Projektstunde) war Team 2 in der Stadt unterwegs und interviewte zahlreiche Passanten bis zu einer Gesamtdauer von 45 Bandminuten. Da die Aufgabenstellung jedoch eine Beschränkung der Reportageteile auf maximal vier Minuten vorgab, war dieses Team in den beiden nächsten Stunden (5. und 6. Projektstunde) damit beschäftigt, die Aufnahmen anzuhören und entsprechende Schnitte vorzunehmen. Kriterium war dabei die technische Qualität der einzelnen Interviews (Nebengeräusche, Rauschen, etc.) und die Aussagekraft der einzelnen Beiträge sowie die Vermeidung von Wiederholungen. Am Ende der 6. Projektstunde konnte das "Studioteam" die so gekürzte Passantenbefragung in die Gesamtreportage einbauen.


Armut im Wohlstand. Politik betrifft uns Nr. 1/87.6. Aktuelle Unterrichtsmaterialien mit OH-Folien. Bergmoser+Höller Verlag, Karl-Friedrich-Str. 76, 52074 Aachen. (Einzelpreis je Heft ca. 15,- DM).
Arbeitslosigkeit. Arbeitstexte für den Unterricht. Reclam-Heft Nr. 9574 (6,- DM).
Globus-Schaubilder, zu beziehen über Globus-Kartendienst GmbH, Wandsbeker Zollstr. 5, 22041 Hamburg (Schulabo zum Preis von 245,89 DM/1991, 14-tägig jeweils ca. 25 aktuelle Schaubilder, von denen viele dem sozialpol. Bereich zuzurechnen sind).
Berufsanfänger und die Sozialversicherung, Ausgabe 1992, (25 S.) kostenlos im Klassensatz bei der zuständigen LVA zu beziehen.
Broschüren des Arbeitsamtes, Bezugsquelle: zuständiges Arbeitsamt, Infoständer auf dem Flur, besonders empfehlenswert: "was? wieviel? wer? Eine kleine Fibel über die finanziellen Hilfen des Arbeitsamtes". Hg. Bundesanstalt für Arbeit. Nürnberg 1991.
Aktuelle Artikel aus Tages- und Wochenpresse.

Abb. 4: Medienangebote

· Team 3
Aufgabe: Interviewt einen von Euch dargestellten "Arbeitsmarktexperten", der Euch Auskunft über Gründe und Ursachen von Arbeitslosigkeit gibt. Macht Euch dazu anhand der ausgeteilten Texte sachkundig.
Team 3 stand mit dieser Aufgabenstellung vor einer doppelten Aufgabe. Es musste einerseits themengerechte Fragen entwickeln, andererseits aber auch die dazugehörigen Antworten erarbeiten. Arbeitsgrundlage für dieses Team war ein genau auf diese Problematik zugeschnittener Sachtext im Textpaket. Für die relativ trockene Textarbeit benötigte das Team zwei Stunden (2. und 3. Projektstunde). In dieser Zeit wurden dem Text die Sachinformationen entnommen und verarbeitet. Probleme ergaben sich dann bei den ersten Aufnahmeversuchen in der 4. Stunde. Die Schüler merkten, dass die Antworten, die der "Arbeitsmarktexperte" geben sollte, sehr schwer aus dem Stegreif zu geben waren. In einer erneuten Textarbeitsphase formulierten sie daraufhin die Antworten wörtlich vor. Die Sprachhaltung der so entwickelten Antworten war an den Sachtext angelehnt, eben so, wie sich die Schüler die Ausdrucksweise eines Wirtschaftsprofessors vorstellten. Nach mehreren Probeaufnahmen kam schließlich gegen Ende der 5. Stunde ein Produkt zustande, mit dem sich die Schüler identifizieren konnten und das dem "Studioteam" zur Übernahme in die Gesamtreportage übergeben werden konnte.
· Team 4
Aufgabe: Nehmt ein Interview mit einem aus Eurer Gruppe kommenden (fiktiven) "Arbeitslosen" auf. Ziel Eurer Befragung soll sein, die persönliche Situation und die Probleme von Arbeitslosen darzustellen. Ihr findet im Textpaket einige Äußerungen von Arbeitslosen, ihre familiäre, finanzielle und gesundheitliche Situation betreffend.
Team 4 hatte mit dieser Vorgabe ebenfalls eine doppelte Aufgabenstellung. Es musste sowohl die Interviewfragen als auch die Antworten entwickeln. Die bei der Erarbeitung und Aufnahme der Antworten geforderte Rollenübernahme soll- [/S. 24:] te das Verständnis für die Situation arbeitsloser Menschen fördern und so dazu beitragen, bestehende Vorurteile abzubauen. Das Team saß fast zwei Stunden über den Materialien und entwarf die Texte für das fiktive Interview. Alle Fragen und Antworten wurden schriftlich ausgearbeitet. Beim Über-die-Schulter-Schauen stellte ich fest, dass die thematischen Vorgaben mit den entstandenen Texten zwar erfüllt waren. Allerdings - und das merkten auch die Schüler, als sie ihre Aufnahme in der 4. Stunde machten und anhörten - ähnelte der aufgesetzte Text so gar nicht einem lebendigen Interview mit einem Menschen, der finanziell und sozial schon bessere Zeiten gesehen hat. Also zerlegte das Team die langen Antwortpassagen in der 4. und 5. Stunde in kleinere Textteile mit Zwischenfragen. Nach mehreren Aufnahmeversuchen und öfterem Probehören einigten sich alle auf eine fast ohne Konzept gesprochene Aufnahme, die ihrer Ansicht nach am ehesten dem "Jargon" eines Arbeitslosen entsprach.
· Team 5
Aufgabe: Interviewt einen Mitarbeiter des Arbeitsamtes. Erfragt mögliche Hilfen des Arbeitsamtes gegen und bei Arbeitslosigkeit. Stellt Eure Fragen so konkret und knapp, dass auch kurze und informative Antworten zu erwarten sind. Entwickelt Eure Fragen anhand Eurer Unterlagen.
Wie bei den Interviews in der Fußgängerzone handelte es sich hier um ein authentisches Interview. Schon nach einer Stunde hatten die Schüler sich einige Fragen aus ihren Unterlagen herausgearbeitet und notiert. In der 3. und 4. Projektstunde führten sie im nahegelegenen Arbeitsamt das Interview mit dem Arbeitsamtsmitarbeiter durch. Ziemlich frustriert sah ich die Schüler in den nächsten beiden Stunden vor ihrem Kassettenrecorder sitzen. Es stellte sich heraus, dass ihr Ansprechpartner zwar sehr freundlich und entgegenkommend gewesen war, doch auf die erste Frage gleich einen 15-minütigen Monolog als Antwort gegeben hatte. Die Gesamtausbeute des Teams lag bei ca. 45 Minuten, wobei lediglich drei Fragen gestellt werden konnten. Die Gruppe kam zu dem Ergebnis, dass man den Mann öfter hätte unterbrechen müssen, um ihm neue Fragen zu stellen. In den beiden verbleibenden Stunden (5. und 6. Stunde) musste das Interview bearbeitet werden. Gegen Ende der 6. Projektstunde war diese schwierige Arbeit erledigt und dieser Reportageteil konnte als letzter der Gesamtreportage zugefügt werden.

Material 1: Auszüge aus der fertigen Reportage

Die Arbeitsmarktreportage: zusammengestellt von der IM 91 b.
Nürnberg. Die Zahl der Arbeitslosen ist in ganz Deutschland im August zurückgegangen und liegt wieder unter 3 Millionen. Im Westen blieb die Arbeitslosenquote bei 6.0%, während sie in Ostdeutschland von 14,6 auf 14,4 gesunken ist. Damit ist der für diese Zeit übliche Rückgang der Arbeitslosigkeit geringer ausgefallen als in den letzten 5 Jahren. Der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg, Franke, führte gestern den schwachen Beginn des Herbstaufschwungs auf die anhaltende Konjunkturflaute zurück. ...

Unser Reporterteam vor Ort befragte Passanten in der Ludwigshafener Innenstadt:
Sind Sie der Meinung, dass jeder, der arbeiten möchte, auch Arbeit findet bei uns?
Ja gut, das ist relativ zu sehen, es kommt darauf an, was für eine Arbeit er machen will. Wenn man bereit ist, Abstriche zu machen, glaube ich schon.
Fühlen Sie sich von der heutigen Arbeitssituation bedroht?
Eigentlich nicht, nein.
Welche Gründe machen Sie dafür verantwortlich, dass die Arbeitslosenzahl in den letzten Jahren gestiegen ist?
Ja gut, mit der Wirtschaft hängt das zusammen, Politik, Wirtschaft und so weiter.
Glauben Sie, dass das Arbeitsamt genug tut gegen Arbeitslosigkeit?
Es kommt darauf an. Wenn man nicht so viel damit zu tun hat, wenn man also Arbeit hat, dann tut man sich damit auch nicht befassen. Ein Stadtstreicher brachte das Problem Arbeitslosigkeit auf den Punkt: Da waren 15 Arbeiter und haben eine Baugrube ausgehoben und heute stellt man einen Bagger hin, der macht das in zwei Stunden, was früher 15 Leute in drei Wochen gemacht haben. Es ist klar, dass da die Arbeit weniger wird.

Sie hören nun ein Interview mit dem Arbeitsmarktexperten Dr. Karl Heinz Müller, interviewt von Erwin Schmidt (fiktives Interview):
Was sind die Gründe für die ständig steigende Arbeitslosigkeit in Deutschland?
Es gibt drei Gründe. Es sind die friktionelle, die konjunkturelle und die strukturelle Arbeitslosigkeit.
Können Sie uns dies etwas näher erläutern?
Friktionelle Arbeitslosigkeit ist die Übergangszeit, die ein Arbeitnehmer beim Übergang von einem alten in einen neuen Job hat. Das belastet den Arbeitslosenmarkt nicht so stark wie die konjunkturelle und strukturelle Arbeitslosigkeit.
Erklären Sie uns bitte noch die anderen zwei Gründe.
Konjunkturelle Arbeitslosigkeit wird deshalb so genannt, weil sie auf die konjunkturellen Schwankungen der Wirtschaftstätigkeit zurückzuführen ist. Bei einem Abschwung der Wirtschaft nimmt die Arbeitslosenzahl zu. Diese Form der Arbeitslosigkeit wird häufig auch globale Unterbeschäftigung genannt. ...

Mit einem Arbeitslosen sprach unser Reporter René Gaisbauer auf dem Foyer des Arbeitsamtes Ludwigshafen (fiktives Interview).
Herr X,. Sie sind arbeitslos. Sie wollen aus verständlichen Gründen Ihren Namen nicht nennen.

Wie lange sind Sie schon arbeitslos?
Ja, seit ungefähr zweieinhalb Jahren.
Hat die Arbeitslosigkeit irgendwelche gesundheitlichen Folgen bei Ihnen gehabt?
Ja, ich kann kaum etwas essen und bin anfälliger für Krankheit geworden.
Wie ist Ihre finanzielle Situation?
Jetzt ganz schlecht. Ich krieg' jetzt im Monat 1200,-. Wie soll ich die Miete bezahlen? Ich muss jeden Pfennig dreimal umdrehen.
Wie hat Ihre Familie auf die Arbeitslosigkeit reagiert?
Am Anfang war es schwer für die Familie, aber sie hat sich jetzt langsam daran gewöhnt.
Wie ist es zur Arbeitslosigkeit gekommen?
Die Firma hat bankrott gemacht.
Haben Sie schon versucht, eine neue Arbeit zu finden?
Ja, ich war schon ein paar Mal auf dem Arbeitsamt, aber die können ja auch kaum helfen.
© IM 91 b 1992

5. Präsentation und Auswertung

Da bis zur letzten Projektstunde nur die "Studioredakteure" aus Team 1 alle Reportageteile kannten, herrschte beim Einspielen vor der Klasse 20 Minuten lang gespannte Aufmerksamkeit.
Nach spontanem Beifall für ihr Gemeinschaftsprodukt ergab sich in der Klasse sofort eine kontroverse Diskussion, vor allem über die Äußerungen der befragten Passanten in der Fußgängerzone. Zustimmende und ablehnende Kommentare zu den Äußerungen hielten sich die Waage.
Auf die anderen Reportageteile angesprochen, zeigte sich in der Klasse große Zustimmung zu den in den einzelnen Beiträgen geäußerten Thesen. Meine Befürchtung, es werde vielleicht über den einen oder anderen Beitrag gelacht, erwies sich als unbegründet. Auch die beiden fiktiven Interviews mit einem "Arbeitslosen" und mit dem "Arbeitsmarktexperten" fanden allgemeine Zustimmung. Dies lag meiner Einschätzung nach vor allem daran, dass es keine großen Niveauunterschiede zwischen den einzelnen Reportageteilen gab. Einzelne Nachfragen ergaben sich lediglich zum Thema Hilfen des Arbeitsamtes. Hier konnte ein gemeinsamer Blick in die zum Textpaket gehörende Broschüre Antworten geben.

6. Zum Autor

Joachim Bohn, Lehrer für Sozialkunde, Wirtschaftslehre und Deutsch an der Berufsbildenden Schule Technik I in Ludwigshafen a. Rhein; Kastanienstr. 3, 67459 Böhl-Iggelheim.

Dieser Text ist ursprünglich unter gleichem Titel erschienen in: arbeiten+lernen/Wirtschaft, 3. Jg. (1993) Nr. 9, S. 21-24.
© 1993 Verlag Erhard Friedrich, Seelze; © 2001 Joachim Bohn, Böhl-Iggelheim
Um den Text zitierfähig zu machen, sind die Seitenwechsel des Originals in eckigen Klammern angegeben, z. B. [/S. 53:].
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