Mehr politisch-gesellschaftliche Teilhabe durch Leichte Sprache?

Leichte Sprache wird derzeit als ein Königsweg in der Inklusionsdebatte propagiert, mit der die Chancen gesellschaftlicher und politischer Teilhabe von Menschen mit (und auch ohne) Lernproblemen erweitert werden sollen.

Eine einheitliche Definition zum Konzept der „Leichten Sprache“, ihr Regelwerk und ihre Zielgruppe(n) liegt in Deutschland nicht vor. Kuhlmann, die unterschiedliche Regelwerke für Leichte Sprache sprachwissenschaftlich vergleichend analysiert hat, arbeitet folgende Merkmale der Leichten Sprache heraus (2013, 45 ff.):

  • Lexika: Basierend auf Erkenntnissen der Leseforschung wird empfohlen, Wörter zu verwenden, die in der Gesellschaft häufig angewandt werden, da dies die Verständlichkeit positiv beeinflusst („Wortbekanntheitseffekt“).
  • Morphologie: Wortlänge. Es wird die Empfehlung ausgesprochen, lange Wörter durch einen Bindestrich zu untergliedern, z. B. Amts-Gericht. Nicht beachtet wird jedoch, dass es zu semantischen Verschiebungen kommen kann, z. B. Bundes-Tag, Tag des Bundes?
  • Syntax: Satzlänge und Satzbau haben Einfluss auf die Verständlichkeit. Entsprechend wird empfohlen, kurze Sätze zu bilden und bei der Übersetzung lange Sätze in kurze zu untergliedern. Empirisch gut belegt ist folgende Reihe aufsteigender Satzschwierigkeiten: aktiv-deklarative Sätze, Fragesätze, Passivsätze, Negativsätze, negative Fragesätze und negativ-passive Fragesätze (Groeben/Christmann 1989, 178).
  • Text: Die Empfehlungen beziehen sich auf die Organisation des Textes, indem zum Beispiel pro Absatz nur ein Gedanke (Proposition) ausformuliert wird, der Text stringent gegliedert ist, Zwischenüberschriften verwendet werden und bei längeren Texten ein advanced organizer (Zusammenfassung) vorangestellt wird.
  • Interpunktion: Vermeidung von Sonderzeichen, wie zum Beispiel das Semikolon.
  • Druckbild: Regel zur Verwendung von Schriftart, Schriftgröße etc. (Zurstrassen 2015, S.127)

Mit Leichter Sprache wird, so Nadine Rüstwo vom Netzwerk Leichte Sprache, eine eigene „linguistische Welt“ erschaffen (2015, S. 115). Sie begründet die Etablierung von Leichter Sprache wie folgt: „Aufgrund einer Vielzahl von Barrieren beim Zugang zu politischen Informationen kann das grundlegende Recht auf politische Teilhabe oft nicht wahrgenommen werden. Vielen Menschen, denen der Zugang zu politischen Prozessen aufgrund von sprachlichen Barrieren verwehrt bleibt, wird ein politisches Grundrecht abgesprochen (ebd. S. 116). Durch Leichte Sprache ist es in der Tat gelungen, das Informationsangebot für Menschen mit Lernschwierigkeiten zu erhöhen.

Im Hinblick auf politische Aufklärung und Teilhabe ist das inhaltliche Erschließen eines Textes nur ein erster Schritt. Zentral für politisch-gesellschaftliche Mündigkeit ist die Fähigkeit zum reflexiv-kritischen Lesen. In der BMBF-Expertise zur Förderung von Lesekompetenz wird folgende Definition präsentiert: Reflexives Lesen beinhaltet „(…) die Verbindung von Reflexion im Sinne des Aufwerfens von Problemen und des Hinterfragens von Inhalten und Argumenten und zum anderen die kritische Reflexion im Sinne eines Bewusstwerdens des eigenen Denkens und seiner Prämissen als Grundlage für potentielle Perspektivveränderung“ (BMBF-Expertise 2007, S. 22). Reflexives Lesen geht einher mit Persönlichkeitsentwicklung, die über instrumentelle Fähigkeiten hinausgeht. Die Civic Literacy lehnt sich stärker an das Fähigkeitskonzept der Lesesozialisation an, die mit der Orientierung am reflexiven, gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekt eine normative Leitidee verfolgt (vgl. Hurrelmann 2006). Notwendig ist daher, eine politische Lesekompetenz zu vermitteln, zum Beispiel durch den Erwerb einer reflexiv-ideologiekritischen Lesekompetenz (→ Methode „Politische Rede“ bei sowi-online.de).

Leichte Sprache: Reduktion sozialer Ungleichheit?

Leichte Sprache wird legitimiert mit der Annahme, den Inklusionsprozess zu befördern und Strukturen sozialer Ungleichheit zu reduzieren. Durch die Bereitstellung verständlicher Texte kann in der Tat der Zugang zu gesellschaftlichen und politischen Informationen niederschwelliger ermöglicht werden. Ob es dazu tatsächlich Leichter Sprache bedarf, ist umstritten, ebenso die Hoffnung, durch Leichte Sprache soziale Ungleichheit abzubauen:

  1. Sprachwissenschaftlich und soziolinguistisch muss untersucht werden, ob Leichte Sprache mit ihrem eigenen Regelwerk nicht sogar die Ausgrenzung von Menschen mit Lernproblemen fördern kann, wenn diese auf den zunehmend normierten Schreib- und Sprachstil der „Leichten Sprache“ hin sozialisiert werden.
  2. Des Weiteren muss die Forschung prüfen, ob Leichte Sprache im Vergleich zu Einfacher Sprache aufgrund ihres begrenzenden Regelwerks (z. B. die Regel, Fremdwörter zu vermeiden) die Zielgruppe in ihren sprachlichen und kognitiven Entwicklungschancen nicht sogar einschränkt.
  3. Sprache gehört nach Bourdieu zum „kulturellen Kapital“ (Bourdieu 1982). Sie ist ein Mittel sozialer Distinktion. Leichte Sprache kann den Zugang zu Informationen eröffnen. Sie kann aber die gesellschaftliche Praxis der sozialen Distinktion durch Sprache nicht aufheben. Sie kann sogar die Exklusion verfestigen, weil sich andere sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen von Menschen mit Lernproblemen abgrenzen, indem sie die Nutzung der Leichten Sprache ablehnen (Kuhlmann 2013, S. 19).
  4. Die Einbindung von „Experten aus der Zielgruppe“ bei der Übersetzung in Leichte Sprache wird als Gütekriterium definiert und bei der Zertifizierung eines übersetzten Textes mit einem Gütesiegel vorausgesetzt. Zu diskutieren wäre hier die Problematik des „positiven Rassismus“, die hinter dieser gutgemeinten Praxis steht. Die Zielgruppe wird als einzig legitimer Experte ihrer Lebenswelt definiert und ihr exkludierender Sonderstatus damit verfestigt (Zurstrassen 2015, S. 130).

Soziologisch, soziolinguistisch und sprachwissenschaftliche müssen die Auswirkungen von Leichter Sprache erst noch erforscht werden.

Literatur

  • BMBF (Hrsg.): Förderung von Lesekompetenz – Expertise. Bildungsforschung Band 17. In: http://www.bmbf.de/pub/bildungsreform_band_siebzehn.pdf (Letzter Zugriff am 07.11.2014).
  • Christmann, U./Groeben, N., 2013: Anforderungen und Einflussfaktoren bei Sach- und Informationstexten. In: Groeben, N./Hurrelmann, B. (Hrsg.): Lesekompetenz. Bedingungen, Dimensionen, Funktionen. Weinheim und München, S. 150-173.
  • Grütz, D., 2013: Zur Steigerung des Leseverstehens bei politischen Texten. In: Kilian, J./Niehr, T. (Hrsg.), 2013: Politik als sprachlich gebundenes Wissen. Politische Sprache im lebenslangen Lernen und politischen Handeln. Bremen, S. 179-196.
  • Hurrelmann, B., 2006: Sozialisatorische Rahmenbedingungen von Lesekompetenz sowie soziale und personale Einflussfaktoren. In: Hurrelmann, B./Groeben, N. (Hrsg.): Lesekompetenz. Bedingungen, Dimensionen, Funktionen. Weinheim und München, S. 123-149.
  • Kellermann, G., 2014: Leichte und Einfache Sprache – Versuch einer Definition. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), Heft 9-11/2014, S. 7-10.
  • Rüstwo, Nadine: Leichte Sprache – eine neue „Kultur“ der Beteiligung. In: Dönges, Christoph/ Hilpert, Wolfram/ Zurstrassen, Bettina (Hrsg.): Didaktik der inklusiven politischen Bildung. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung Nr. 1617. Bonn 2015, S. 115-125.
  • Zurstrassen, Bettina: Inklusion durch Leichte Sprache? Eine kritische Einschätzung. In: Dönges, Christoph/ Hilpert, Wolfram/ Zurstrassen, Bettina (Hrsg.): Didaktik der inklusiven politischen Bildung. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung Nr. 1617. Bonn 2015, S. 126-138.

Lehr-Lern-Methodische Vorschläge

  • Pro- und Contra-Diskussion (→ Methoden „Pro- und Contra-Diskussion“) auf der Basis der Artikel von Nadine Rüstow und Bettina Zurstrassen.
  • Durchführung eines Sachverständigengesprächs (→ Methode „Sachverständigengespräch/Hearing)
  • Erstellung eines Mindmaps zu den Pro- und Contra-Argumente zu Leichter Sprache in der sozialwissenschaftlichen Bildung (→ Methode „Mindmap)